Motorradsicherheit bietet noch viel Entwicklungspotenzial
Montag, 26 Januar 2009
„Motorradfahrer haben keine Knautschzone“,
lautet ein geflügeltes Wort. Um die Sicherheit motorisierter
Zweiradfahrer steht es eben nicht sonderlich gut. Jährlich sterben
europaweit rund 6500 von ihnen. Es gibt weltweit lediglich ein Serienmotorrad
mit Airbag, und die Entwicklung einer Airbag-Jacke zieht sich bereits
seit einigen Jahren hin. Traktions- und Stabilitätskontrollen sind erst
in Ansätzen vorhanden.
Zwar beginnt ABS sich allmählich durchzusetzen, aber es stößt zum Beispiel in den motorradtypischen
Schräglagen häufig noch an seine Grenzen. Wo etwas und was trotzdem für
mehr Sicherheit auf dem „Bike“ getan werden kann, erforscht seit
einigen Jahren die EU bei ihrem Projekt Aprosys (Advanced Protection
Systems). Im Crash-Test-Center von Dekra in
Neumünster wurden in dieser Woche Ansätze und erste Ergebnisse des
Projektes und anderer europäischer Initiativen vorgestellt. Sie reichen
von neu konzipierten Helmen über einen speziellen Thoraxschutz und
natürlich den Airbag bis hin zu speziellen Schutzsystem an Leitplanken.
Motorradunfälle
haben meistens deutlich komplexere Abläufe als Autounfälle und gliedern
sich auch nicht selten in zwei Phasen. Den eigentlichen Zusammenstoß
und das Geschehen danach, bei dem sich der Fahrer in aller Regel von
seinem Fahrzeug löst und ein zweites Mal (auf der Straße) aufprallt.
Experten meinen, dass moderne Motorradbekleidung
bis etwa 35 km/h einen einigermaßen effektiven Schutz bietet. Bei
höheren Geschwindigkeiten sieht das Bild aber schnell anders aus. Bei
einem Crash-Test auf der Dekra-Anlage wurde ein typischer Abbiegeunfall
simuliert. Dabei stieß ein Rollerfahrer mit etwa 48 km/h im
45-Grad-Winkel auf ein stehendes Auto. Während der direkte Aufprall gar
nicht so schwere Verletzungen hervorrief, wies der Dummy nach dem
meterweit entfernten Aufschlag auf den Asphalt schwerwiegende Kopf- und
Halswirbelsäulenverletzungen auf.
Soll europaweit nicht nur die Zahl aller Verkehrstoten generell, sondern auch die der tödlich verunglückten Motorradfahrer
halbiert werden, sind einheitliche Testverfahren zur Entwicklung
gemeinsamer Produktnormen nötig. Gerade hier hapert es noch. Die
Parameter für Messerverfahren sind in den EU-Ländern nicht nur
unterschiedlich, sondern oft auch völlig unzureichend. So geht die
Schutznorm für Helme immer noch weitestgehend von einem frontalen
Schlag gegen die Stirn aus, während Unfallforscher zum Beispiel längst
auch das Kinn als besonders gefährdete Stelle lokalisiert haben.
Ähnlich
verhält es sich mit dem Rumpf. Schutzkleidung konzentriert sich auf
Kopf, Rücken, Hände und das Knie sowie die Schultern. Dabei ist auch
der Thorax eines verunglückenden Motorradfahrers
hohen Belastungen ausgesetzt. Mittlerweile helfen hochmoderne
Computermodelle, wie sie zum Beispiel an der Universität München
entwickelt wurden, die Verletzungsauswirkungen an einem virtuellen
Körpermodell relativ realistisch nachzustellen und zu analysieren.
Zwei
Ansätze entsprechender Produkte wurden in Neumünster vorgestellt. An
der Universität Florenz wurde ein neuartiger Helm entwickelt, der die
Kopfbeschleunigung und die auf das Kinn wirkenden Kräfte deutlich
verringert. Eine wabenförmige Pufferzone zwischen Kinn- und Kopfschale
des Helms absorbiert einen Teil der Aufprallenergie. Außerdem ist der
Kinnriemen wie ein Sicherheitsgurt konzipiert, denn immer noch
verlieren Motorradfahrer ihren Kopfschutz.
Die Florenzer Forscher plädieren dafür, die derzeitige Prüfnorm ECE R22
den aktuellen Ergebnissen der Unfallanalysen anzupassen.
Noch
in diesem Jahr will der italienische Bekleidungshersteller Dainese
einen Thoraxprotektor auf den Markt bringen. Der „Brustpanzer“ soll
weniger kosten als ein moderner Rückenprotektor und das
Verletzungsrisiko in dem bislang wenig beachteten Bereich signifikant
senken.
Bei Piaggio beschäftigen sich die Ingenieure ebenfalls
intensiv mit der Unfallforschung und der Entwicklung sicherer
Zweiräder. Dabei setzt der italienische Konzern vor allem auf seinen
dreirädrigen Roller MP3. Er bietet mit seinem innovativen Konzept mehr
Möglichkeiten für Sicherheitstechnik. So sind mit dem Fahrzeug bereits
mehrere Airbagversuche durchgeführt worden. Erprobt werden soll auch
ein Rückhaltesystem für den Fahrer.
Leitplanken stehen ebenfalls schon seit Jahren im Fokus der Motorradsicherheit.
Immer wieder prallen Zweiradfahrer gegen die Pfosten oder rutschen
unter den Planken hindurch. Die spanische Firma Hiasa hat inzwischen
ein System entwickelt, bei dem ein recht flexibler Unterzug aus dünnem
Stahl die Folgen eines Unfalls für einen Motorradfahrer
deutlich minimieren kann, ohne das dies zu Lasten der Sicherheit
anderer Verkehrsteilnehmer geht.
Auch in Deutschland war in der
Vergangenheit eine motorradfahrerfreundliche
Leitplanke entwickelt worden, die jedoch ihre Schutzfunktion für
Autofahrer verloren hatte. Statt einen Pkw aufzufangen, wurde das
Fahrzeug wegen der zusätzlichen unteren Schutzeinrichtung förmlich in
die Luft katapultiert. (ar/jri)